2 ch WET Brandenburgꝗ: Die Grafschaft Ruppin

Theodor Fontane

be z

Ninitizor nu C > Digitized by Google

Pr

Digitized by Google

Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erſter Theil.

Die Grafſchaft Ruppin.

Von

Theodor Fontane.

Wohlfeile Ausgabe.

Herlin.

Verlag von Wilhelm Hertz. GBeſſerſche Buchhandlung.) „it 1892. If N,

Vorwort zur 1. Auflage.

„Erſt die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimath beſitzen.“ Das hab' ich an mir ſelber erfahren und die erſten Anregungen zu dieſen „Wanderungen durch die Mark“ find mir auf Streife— reien in der Fremde gefommen. Die Anregungen wurden Wunſch, ver Wunſch wurde Entſchluß.

Es war in der jchottiichen Grafichaft Kinroß, deren ſchönſter vunkt der Leven-See if. Mitten im See liegt eine Injel und mitten auf der Inſel, hinter Eichen und Schwarztannen halb ver- ttet, erhebt fi) ein altes Douglas⸗Schloß, das in Lied und Sage vielgenannte Lochleven-Caſtle. Es find nur Trümmer nod, die Kapelle liegt als ein Steinhaufen auf dem Scloßhof und tatt der alten Einfajjungs- Mauer zieht fich Weidengeftrüpp um die Infel ber; aber der Rundthurm fteht noch, in dem Queen Mary gefangen jaß, die Pforte ift noch fihtbar, durch die Willy Douglas die Königin in das rettende Boot führte, und das Fenſter wird noch gezeigt, über deſſen Brüftung hinweg die alte Lady Douglas ſich beugte, um mit weit vorgehaltener Fadel dem nachjegenden Boote den Weg und mwomöglid die Spur der Flüchtigen zu zeigen.

Wir famen von der Stadt Kinroß, die am Ufer des Leven— Sees liegt, und ruderten der Injel zu. Unjer Boot legte an derjelben Stelle an, an der das Boot der Königin in jener Nacht gelegen hatte, wir jchritten über den Hof hin, langjam, als juchten wir noch die Fußipuren in dem hochaufgeſchoſſenen Graje und iehnten uns dann über die Brüftung, an welder die alte Yady Douglas gejtanden und die Jagd der beiden Boote, des flüchtigen und des nacjegenden, verfolgt hatte. Dann umfuhren wir die Injel und lenkten unjer Boot nad) Kinroß zurüd, aber das Auge

VI

mochte ſich nicht trennen von der Injel, auf deren Trümmergrau die Nachmittagsjonne und eine wehmüthig-unnennbare Stille lag.

Nun griffen die Ruder raſch ein, die Inſel wurd ein Streifen, endlich ſchwand fie ganz und nur als ein Gebilde der Ein- bildungskraft ftand eine zeitlang nocd; der Rundthurm vor uns auf dem Waffer, bis plötzlich unſre Phantafie weiter in ihre Erinneruns gen zurüdgriff und ältere Bilder vor die Bilder diefer Stunde jchob. Es waren Erinnerungen aus der Heimath, ein unvergefiener Tag.

Auch eine Wafjerfläche war es; aber nicht Weidengeftrüpp faßte das Ufer ein, fondern ein Park und ein Laubholzwald nah- men den See in ihren Arm. Im Flachboot ſtießen wir ab und jo oft wir das Schilf am Ufer ftreiften, Hang es, wie wenn eine Hand über Mnifternde Seide führt. Zwei Schweftern jaßen mir gegenüber. Die ältere ftredte ihre Hand in das fühle Klare Waſſer des Sees und aufer dem dumpfen Schlag ded Ruders vernahm ich nichts als jenes leife Geräufch, womit die Wellchen zwijchen den Fingern der weißen Hand hindurchplätfcherten. Nun glitt da8 Boot durch Teichrojen hin, deren lange Stengel wir (jo Har war das Waller) aus dem Grunde des See's aufiteigen jahen; dann lenkten wir das Boot bis an den Schilfgürtel und unter die weitüberhängenden Zweige des Parfes zurüd. Endlich legten wir an, wo die Waffertreppe an's Ufer führt, umd ein Schloß ftieg auf mit Flügeln und Thürmen, mit Hof und Treppe und mit einem Säulengange, der Balluftraden und Marmorbilder trug. Diefer Hof und diefer Süäulengang, die Zeugen wie vieler Luft, wie vielen Glanzes waren fie gewejen? Hier über diejen Hof hin Hatte die Geige Graun's geflungen, wenn fie das Flöten- ſpiel des prinzlichen Freundes begleitete; hier waren Le Gaillard und Le Conftant, die erften Ritter des Bayard-Orbdens, auf und abgeſchritten; hier waren, in buntem Spiel, in heiterer Ironie, fingirte Ambafjfaden aus aller Herren Länder erjchienen und von hier aus endlich waren die heiter Spielenden hinausgezogen und hatten fi bewährt im Ernſt des Kampfs und auf den Höhen des Lebens. Hinter dem Säulengange gligerten die gelben Schlof- wände in aller Helle des Tags, fein romantischer Farbenton mijchte fi ein, aber Schloß und Thurm, wohin das Auge fiel, alles trug den breiten Hiftorifchen Stempel. Von der andern

vu

Seite des Sees her grüßte der Obelisk, der die Gejchichte des fiebenjährigen Krieges im Yapidarftyl trägt.

So war das Bild des Rheinsberger Schlojjes, das, wie eine Fata Morgana, über den Leven-See Hinzog, und ehe nod) unjer Boot auf den Sand des Ufers lief, trat die Frage an mid heran: fo ſchön dies Bild war, das der Leven-See mit jeiner Infel und feinem Douglas⸗Schloß vor dir entrollte, war jener Tag minder jhön, als du im Flachboot über den heine: berger See fuhrjt, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her? Und ich antwortete: nein.

Die Yahre, die feit jenem Tag am Leven-See vergangen find, haben mic in die Heimath zurüdgeführt und die Entſchlüſſe von damals blieben unvergejjen. Ich bin die Mark durchzogen und habe fie veicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt Hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte fi) und gab Geftalten heraus, und wenn meine Schilderungen unbefriedigt laffen, jo werd’ ich der Entjhuldigung entbehren müfjen, daß e8 eine Armuth war, die ih aufzuputen oder zu vergolden hatte. Umgekehrt, ein Neid) thum ift mir entgegengetreten, dem gegenüber ich das bejtimmte Gefügl Habe, feiner niemald auch nur annähernd Herr werden zu Ünnen; denn das immerhin Umfangreiche, das ich in Nach— jtehendem biete, ift auf im Ganzen genommen wenig Meilen eingefammelt worden: am NRuppiner See hin und vor den Thoren Berlins. Und forglos hab’ ich es gefammelt, nicht wie einer, der mit der Sichel zur Erndte geht, fondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Aehren aus dem reichen Felde zieht.

Es ift ein Buntes, Mannigfaches, das ich zufammengeftellt habe: Landjchaftliches und Hiftorifches, Sitten- und Charafter- ihilderung, und verſchieden wie die Dinge, fo verjchieden ijt auch die Behandlung, die fie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel von einander fein mögen, darin find fie fich gleich, daß fie aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimath geboren wurden. Möchten fie auch in Andern jene Empfindungen weden, von denen ich am eignen Herzen erfahren habe, daß fie ein Glüd, ein Troft und die Quelle echtejter Freu- den find.

Berlin, im November 1861. Th. 5.

Vorwort zur 2. Auflage.

Statt eines regelrechten Vorwortes, heute lieber ein Wort über „reifen in der Mark”.

Ob Du reifen ſollſt, jo fragft Du, reifen in der Mark? Die Antwort auf diefe Frage iſt nicht eben leicht. Und doch würd es gerade mir nicht anftehn, fie zu umgehen oder wohl gar ein „nein“ zu fagen. So denn alſo „ja”. Uber „ia” unter VBor- bedingungen. Laß mic Punkt für Punkt aufzählen, was ich für unerläßlich halte.

Wer in der Mark reifen will, der muß zunächſt Yiebe zu „Land und Leuten” mitbringen, mindeitens feine VBoreingenommenz heit. Er muß den guten Willen haben das Gute gut zu finden, anftatt es durch frittliche Vergleiche todt zu machen.

Der Reifende in der Mark muß fich ferner mit einer feine- ren Art von Natur- und Landſchafts-Sinn ausgerüftet füh- len. Es giebt gröblihe Augen, die gleich einen Gletſcher oder Meeresiturm verlangen, um befriedigt zu fein. Dieſe mögen zu Haufe bleiben. Es iſt mit der märkiſchen Natur wie mit manden Frauen. „Auch die häßlichſte jagt das Sprihwort hat immer noch fieben Schönheiten“. Ganz fo ijt es mit dem „Lande zwifchen Oder und Elbe”; wenige Punkte find jo arm, daß fie nicht auch ihre fieben Schönheiten hätten. Man muß fie nur zu finden verftehn. Wer das Auge dafür hat, der wag’ es und reije.

Drittens. Wenn Du reifen willjt, mußt Du die Geſchichte diejes Landes fennen und lieben. Dies iſt ganz unerläßlic. Wer nah Küftrin kommt und einfach das alte graugelbe Schloß

fieht, das, hinter Baftion Brandenburg, mehr häßlich als geipeniter-

haft aufragt, wird e8 für ein Landarmenhaus halten und entweder gleichgültig oder wohl gar in äjthetiihem Mißbehagen an ihm

' vorübergehn; wer aber weiß: „hier fiel Katte's Haupt; an die-

jem Fenſter jtand der Kronprinz”, der fieht den alten unjchönen Bau mit andern Augen an. So überall. Wer, umvertraut

IX

mit den Großthaten unjerer Gejchichte, zwifchen Linum und Hafen- berg Hinfährt, rechts das Luch, links ein paar Sandhügel, der wird fih die Schirm: Müge über's Geficht ziehn und in der Bagenede zu niden ſuchen; wer aber weiß, bier fiel Froben, hier wurde das Regiment Dalwigk in Stüde gehauen, dies ift das Schlachtfeld von Fehrbellin, der wird fich aufrichten im Wagen und Luch und Haide plöglich wie in wunderbarer Beleuch— tung jehn.

Diertend. Du mußt nicht allzujehr durch den Comfort ber „großen Touren“ verwöhnt und verweichlicht fein. Es wird einem jelten das Schlimmfte zugemuthet, aber e8 kommt doch vor und feine Xofalfenntniß, feine Reiſe-Erfahrung reihen aus, Dich im Voraus wiſſen zu laffen, wo es vorfommen wird und wo nid. Zuftände von Armuth und Verwahrlofung fchieben ſich in die Zuftände modernen Gulturstebens ein und während Du eben noh im Lande Teltow das beſte Yager fandeit, findeft Du viel» leicht im „Schenkenländchen“ eine Yagerjtätte, die alle Mängel und Schrednijfe, deren Bett und Linnen überhaupt fähig find, in ſich vereinigt. Regeln find nicht zu geben, Sicherheitsmaßregeln nicht zu treffen. Wo es gut fein könnte, da triffit Du es vielleicht ihleht und wo Du das Kümmerlichite erwartet, überraſchen Dich Luxus und Behaglichkeit.

Fünftens und letztens. Wenn Du das Wagſtück wagen willit „füll Deinen Beutel mit Geld“. Reifen in der Dart ift alles andre eher als billig. Glaube nit, weil du die Preife kennit, die Sprade ſprichſt und ficher biſt vor Kellner und Vetturinen, dat Du jparen fannit; glaube vor allem nicht, daß Du es des: halb kannſt, „weil ja alles jo nahe liegt”. Die Nähe thut es niht. Im vielen bereiften Ländern fann man billig reifen, wenn man anfpruchslos ijt; in der Mark fannit Du es nicht, wenn Du nicht das Glück Haft zu den „Dauerläufern” zu gehören. Sit died nicht der Fall, ift Dir der Wagen ein unabweisliches Wanderungs-Bedürfniß, jo gieb e8 auf für ein Billiges Deine märfiijhe Tour machen zu wollen. Gijenbahnen, wenn Du „in’s Land“ willit, find in den wenigijten Fällen nutzbar; aljo Fuhr- werk. Fuhrwerk aber iſt theuer. Man merkt Dir bald an, daß Du fortwillft oder wohl gar fortmußt und die märkiſche Art iſt

X

nicht jo alles Kaufmänniichen bar und bloß, daß fie daraus nicht Vortheil ziehen ſollte. Wohlan denn, es kann Dir paffiren, daß Du, um von Fürftenwalde nah Budow oder von Budow nach Werneuhen zu kommen, mehr zahlen mußt, als für eine Fahrt nad Dresden hin und zurüd, Nimmft Du Anftoß an foldhen Preifen und Aergerniſſen, fo bleibe zu Haus.

Haft Du nun aber alle diefe Punkte reiflih erwogen, haft Du, wie die Engländer jagen, „Deine Seele fertig gemadt” und biit Du zu dem Reſultate gefommen: „ih fann ed wagen”, nun denn, jo wag’ e8 getroft. Wag’ e8 getroft und Du wirft es nicht bereuen. Eigenthümliche Freuden und Genüffe werden Did be- gleiten. Du wirft Entdedungen machen, denn überall wohin Du fommit, wirit Du, vom Zouriften-Standpunft aus, eintreten wie in „jungfräuliches Yand‘. Du wirjt Klofterruinen begegnen, von deren Eriftenz höchſtens die nächfte Stadt eine leife Kenntniß hatte; Du wirft inmitten alter Dorffirchen, deren zerbrödelter Schindelthurm nur auf Elend deutete, große Wandbilder oder in den treppenlojen Grüften reiche Kupferfärge mit Grucifir und vergoldeten Wappenichildern finden; Du wirft Schlacdhtfelder über- Ichreiten, Wenden-Kirchhöfe, Haiden-Gräber, von denen die Menſchen nichts mehr wiffen, und ftatt der Nachſchlagebuchs- und Alferwelts- Geihichten, werden Sagen und Legenden und hier und da felbft die Bruchſtücke verflungener Lieder zu Dir fprehen. Das Beite aber dem Du begegnen wirft, da8 werden die Menſchen fein, vorausgejegt, daß Du Dich darauf verftehft, das rechte Wort für den „gemeinen Mann“ zu finden. Verſchmähe nicht den Strohjad neben dem Kutjcher, laß Dir erzählen von ihm, von jeinem Haus und Hof, von feiner Stadt oder jeinem Dorf, von jeiner Sol- daten= oder jeiner Wanderzeit, und fein Geplauder wird Dich mit dem Zauber des ‚Natürlihen und Lebendigen umfpinnen. Du wirst, wenn Du heimfehrit, nichts Auswendiggelerntes gehört haben wie auf den großen Touren, wo alles feine Taxe hat; der Menſch jelber aber wird fi vor Dir erichloffen haben. Und das bleibt doc immer das Beſte.

Berlin, im Auguſt 1864. Th. F.

Borwort zur Volksausgabe.

Der 1. Band der „Wanderungen“ dem die drei andern in raſcher Reihenfolge folgen werden erſcheint hier in einer Volks— ausgabe, die, wie dies ſchon bei den frühren Auflagen der Fall war, abermals eine nicht unbeträchtliche Erweiterung erfahren hat. Das Kapitel Wilhelm Gens, in dem ich zu meiner Freude viel Autobiographifches mittheilen oder doc benugen fonnte, ift neu, während das den Lebensgang von Alerander Gent daritellende Kapitel Gentzrode, einer zugleich die mannigfachſten Verhältniſſe der Stadt wie der Grafihaft behandelnden Umarbeitung unter- jogen wurde. Ein weiterer Aufſatz, den ih mit Rückſicht auf die hervorragende Bedeutung des darin zu Schildernden: Geheime- rat Hermann Wagener („Kreuzzeitungs-Wagener” geboren am 8. März 1815 im Pfarrhaufe zu Segeleeß), diefem 1. Bande gerne noch Hinzugefügt hätte, mußte mit Rüdficht auf den ohnehin überichrittenen Raum zurüdgeftellt werden. Vielleicht daß ſich jpäter, wenn auch von andrer Hand, eine Einreihung ermöglicht.

Berlin, 9. März 1892. Ch. £.

Iuhalt.

Am Ruppiner See.

Seite ROBREOM - 2: Eee re A 1 Same I. . . . er ee ee ie Fe Kar AD

Karl Friebrid 2 r. Anefebed ee a er Fe | Carwe II. 4— * * * * [ * [3 * + * * * * 26 Eine Revue bor’'m alten Frig Ne eat Se ar

Radensleben L . . . . ee N a en De rn Die Duafte, Das Herrenhaus31

Radensleben II. eh ee —— A italieniſqhe Bilder. Saintelſche ——— ER:

Neu-Ruppin . . . » RT re en A Ein Gang dur bie Stadt. Die aloſtertirch Ki re ra

Die Grafen von Ruppin & > 22 0 2 re ni Die Zeit unter den Grafen & 2 2 Er re ne Andreas Fromm . rer 2 2 1 2 1 8 Kronpring Friedrid in Ruppin 1. Be a Yan aa arte Kronpring Friedrich in I, Der ea ee Tee General v. Güntber . . tee a Rarl Friedrich Schinkeeeee. 88 Michel Prohhenn. 44122 Guſtav Aübn . . a tee nt AR Johann Ehriftian Bent de er en air ii Wilhelm Gene L-V. . 2 2 nn. 186 Civibus aevi futuri 20 er. 186 Am Bal, . . . er tee a BT

Die Auppiner Garnifon.

Regiment Prinz Ferdinand Mr 6A. oo on. Al Regiment Medlenburg Schwerin Rr.M . 2.2... .. 2236

XIV

Rheinsberg.

Die Kahlenberge. Franzöfiide Coloniften- Dörfer. Einfahrt in Rheins» berg. Der Rathskeller. Unter den Linden. Das Möstefeft

Die Rheinsberger Kirde . .

Das Schloß in Rheinsberg. Anblid vom Se ins, Die Reihenfolge der Befiger. Die Zimmer des en Die Zimmer des Prinzen Heinrih . :

Prinz Heinrich. Der Rheinsberger Bart. Ser v. Keitenftein und der verichludte Diamant. Der Freundichafts-Tempel. Das Theater im Grünen. Das Grabmal des Prinzen. Eee

Der große Obelist in Rheinsberg und feine Inſchriften

Zwiſchen Boberow⸗Wald und Huvenow⸗See a ———— Der Rheinsberger Hof von 1786—1802 . » 2 2 2 2281 Major v. KRapbengft . - ze en Bla kr @raf und Gräfin La Rode-Aymon a re Fee a ee

Koepernig . EN —— PETER

Zernilomw

Die Ruppiner Schweiz.

Die Ruppiner Schweiz

Am Molhom- und Bermigel-Bte . Zwiihen Zermütel- und Tornow⸗See Die Menzer Forft und der große Stedlin

An Rhin und Dofle.

Das Wuftrauer Luch

Walchow —— en Babtriamnbeni: er a ser

Protzen .. ne ar re ee De ee Nie rd Der rien Be a N a a Sa ea ara et BE

Garz. . . Be: A Ne, Nr dd Albredt chriſtoph A Duafı a na re nn

Das Doffie- Bund . . - ee ——— Friebrichs II. Beſuch (1778) im Ahine und Doffe-Drud .384

Neuſtadt a. D. en Bee Prinz Friebrid von n Sefengomburg u ee Eberhard v. Dandelmann . . ri re

Wufterhaufen a. D..

Trieplat .. Aura Der Hauptmann von Gapernaum ... ee en 4643 Der Alagiendbaum » > 00er.

Urania v. Boinch . 2 0 ee ee ee. 4657 Tramnig ..

Seite

392

414

432 439

460

XV

Seite

Anf dem Platean.

ann. a er ea a et ee ee MT Frau v. re en + II

ERBE: 2. ee a een re re A

BENBI- + Sn a wa Be .. 46868

RB ae ie ie in ee

®raniee a a Se re ee en ae

Die „Barte“ bei Granſeeee 42497

Das Waldemar: Thor een 500

Die Narinfiche > 22er 508

Ernit Germershauſeennn. 50

Das Aunifensdentmal . 2 20 een 508

Gentrode. BEERTORE u a eo ee ae a ne a DI

Am Ruppiner Ser.

ontane, Vanderungen. I,

Wuſtrau.

Da liegen wir zwei Beide Bis zum Appell im Grab.

* Ruppiner See, der faſt die Form eines halben Mondes hat, ſcheidet ſich ſeinen Ufern nach in zwei ſehr verſchiedene Hälften. Die nördliche Hälfte iſt ſandig und unfruchtbar, und die freund— lich gelegenen Städte Alt- und Neu-Ruppin abgerechnet ohne allen maleriſchen Reiz, die Südhälfte aber iſt theils angebaut, theils bewaldet und ſeit alten Zeiten her von vier hübſchen Dörfern eingefaßt. Das eine dieſer Dörfer, Treskow, war bis vor Kur⸗ jem ein altes Kämmerei-Gut ber Stadt Ruppin; die drei andern: Gnewfow, Carwe und Wuftrau find Nittergüter. Das erftere tritt aus dem Schilf- und Wald-Ufer am deutlichiten hervor und ift mit feinem Kirhthurm und feinen Bauerhäufern eine beſondere Zierde des See's. Es gehörte feit Jahrhunderten der Familie von Wolded; jett ift e& in andere Hände übergegangen. Der legte v. Wolded, der dies Erbe feiner Väter inne hatte, war ein Lebemann und paffionirter Tourift. Seine Ercentricitäten hatten ihn im der Umgegend zu einer volfsthümlichen Figur gemadt; er hieß kurzweg „der Seebaron”. Das Wort war gut gewählt. Er hatte mit den alten „Seekönigen” den Wanderzug und die Aben— teuer gemein.

Carwe gehört den Kneſebeck's, Wuftrau dagegen ift berühmt geworden als Wohnfig des alten Zieten. Sein Sohn, der legte Zieten aus der Yinte Wuftrau, ftarb hier 1854 in hohem Alter. Es giebt noch Zietend aus andern Linien und überall wo

1*

4

nachſtehend vom „legten Zieten“ gejprochen wird, geſchieht es im dem Sinne von: der letzte Zieten von Wuſtrau.

Wuftrau, wie viele märkiſche Befigungen, beftand bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts aus vier Nittergütern, wovon zwei dem General v. Dofjow, eins den Zietens, und eins den Rohrs *) gehörte.

Wann die Zietens in den theilweifen Befig von Wuftrau gelangten, ift nicht mehr ſicher feftzuftellen. Eben jo wenig fennt

) In dem ſchönen, höchſt anmuthig gelegenen Schloßgarten von Wuſtrau befindet ſich bis dieſen Augenblid, und zwar nur wenige Schritte vom See entfernt, das ehemalig Rohr'ſche Herrenhaus, ein alter Fachwerlbau, ber jett theils als Gärtnerwohnung, theils als Drangeriehaus dient. Das Haus ift intereffant, einmal dadurch, daß es und zeigt, wie ihliht und anſpruchs⸗ 108 der Landadel früher lebte, andrerſeits durch die Ormnamentirung, die Graf Zieten eben diefem Haufe gegeben bat. Als nämlich der Perleberger Dom im erften Drittel dieſes Jahrhunderts reftaurirt und der alte Schmud defjelben befeitigt wurde, faufte Graf Bieten allerhand Glasmalereien und Holzſchnitz⸗ wert, namentlich Heiligenbilder und Engelöfiguren auf und begann mit Hülfe derfelben die Fagaden und Fenſter ded alten Rohr’ichen Herrenhaufes zu (hmüden. Im erften Stode beffelben befindet ſich eine Rüft- und Antiqui- täten-Rammer von ſehr ungleihem Werth; Gleichgültige8 und Alltägliches ſteht neben wirklichen Raritäten. Das Sehenswerthefte ift ein Heiner Holz- altar, vieleicht von 4 Fuß Höhe, der zwiſchen feinen beiden Säulen ein ziemlich) gut gemaltes Heiligenbild trägt. Wahrſcheinlich ftellt e8 eine heilig geſprochene ſchleſiſche Fürftin (die heilige Hedwig) dar, denn dies Frauenbild, voll ſchöner Milde im Ausdrud, hält im der Linken einen Krummftab, während ihre rechte Hand auf einer Grafen- ober Fürftenkfrone ruht. Diefer Altar be- fand ſich im einem ſchleſiſchen Kloſter, wo bald nad) der Schlacht von Hohen- friedberg der damalige General-Major v. Zieten Duartier genommen hatte. Bei Tiihe ſaß er im Refektorium bes Kloſters diefem Bilde‘ gegenüber und ſah lange zu ihm auf. Die Hebtiffin, die von Zieten'ſchen Hufaren nicht das Befte erwarten mochte, nahm Anftoß daran und es fam zu einem Geſpräch zwiſchen ihr und dem General. Er fagte ihr umbefangen, daß er das Bild betrachte, weil es ihn Zug um Zug an feine geliebte Frau, fern daheim am Ruppiner See, erinnere, und das Geſpräch nahm nun eine freundliche Wendung. Bald darauf erfolgte der Weitermarih. Einige Tage fpäter bemerkte Zieten eine riefige Kifte auf einem feiner Gepädwagen und begann zu ſchelten. Da hieß e8 denn zur Entjhuldigung: „Die Nonnen hätten die Kifte aufgeladen und Borficht eigens zur Pflicht gemacht, denn fie gehöre dem General Zieten, der fie mit heim nehmen wolle nad; Wuſtrau“. Num befahl Zieten bie Kifte Zu Öffnen und man fand Altar und Altarbild.

5

man dag Stammgut ber Familie, "In der Mark Brandenburg befinden fih neun Ortichaften, die den Namen Zieten, wenn aud) in abweichender Schreibart führen. Als die Hohenzollern ins Land kamen, lagen die meiſten Befigungen diefer Familie bereits in der Grafſchaft Ruppin. Hans von Zieten auf Wildberg, das damals ein fejter und reicher Burgfleden war, war gejchworener Rath beim legten Grafen von Ruppin, und begleitete diefen auf den Reichstag zu Worms. Die Wildberger Zieten befaßen Langen und Krenklin; andere Zweige der Familie hatten Lögow und Buskow inne und einen Theil von Metelthin. Die Wuftrauer Zieten, fcheint es, waren nicht reich; fie litten unter den Nach— wehen des 30jährigen Krieges und der Schwedenzeit. Der Vater Hans Joachim's lebte denn auch in noch fehr beſchränkten BVer- hältniffen. Erft Hans Joachim felbft verftand fi) auf Pflug und Wirthſchaft fait jo gut wie auf Krieg und Säbel und madıte 1766 durch Ankauf der andern Antheile ganz Wuftrau zu emem Zieten'ſchen Beſitzthum. Es blieb bei feinem Sohne, dem legten Zieten, bis 1854. Diefer ernannte in jeinem Teſtamente nen Schwerin zum Erben. Daß diefer der nächte Verwandte war, wurde vielleicht noch von der Vorftellung überwogen, daß num ein Schwerin würdig fei, an die Stelle eines Zieten zu treten. Albert Julius von Schwerin, der jetige Beſitzer von Buftrau, ward 1859 unter dem Namen von Zieten-Schwerin in den Grafenftand erhoben.

Wuftrau liegt an der Siüdipike des Sees. Der Boden ift frudtbar, und wo die Fruchtbarkeit aufhört, beginnt das Wuſtrau— ide Luch, eine Torfgegend, die an Ergiebigkeit mit den Linummer Gräbereien wetteifert. Das eigentliche Dorf, faubere, von Wohl: ftand zeugende Bauerhäufer, Tiegt etwas zurüdgezogen vom Gee; zwiihen Dorf und See aber breitet fich der Parf aus, defjen Baumgruppen von dem Dache des etwas hoch gelegenen Herren- haufes überragt werden. Dieſes letztere gleicht auf ein Haar den adligen Wohnhäufern, wie fie während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in märfifhen Städten und Dörfer gebaut wurden. Unſer Partjer Pla zeigt zu beiden Seiten noch ein paar Muſterſtücke diefer Bauart. Erdgeihog und Bel-Etage, ein hohes Dad, ein Blitableiter, 10 Fenſter Front, eine Rampe, das

6

Ganze gelb getündht und ein Wappen oder Namenszug als einzigee Drnament. So ift aud) das alte Herrenhaus der Zieten, das freilid feinerfeit8 eine reizende Yage voraus hat. Vorder⸗ und Hinter- front geben gleich anziehende Bilder. Jene gejtattet landeinwärts einen Blick auf Dorf, Kirche und Kirchhof, dieje hat die Ausficht auf den See.

Wir fommen in einem Boot über den See gefahren, legen an einer Wafferbrüde an und fpringen an’s Ufer. Ein kurzer Weg, an Parkgrün und blühenden Linden vorbei, führt uns an den Eingang des Haufes. Der Flur ift durch eine Glaswand in zwei Theile getheilt, von denen der eine, der mit Bildern und Stichen behängt ift, (darunter der befannte Kupferjtich Chodowiecki's: Zieten figend vor ſeinem König) als Empfangshalle dient. Der andere Theil iſt Treppenhaus.

Mir fteigen die eichene, altmodifch-bequeme Treppe hinauf und treten oben im eine nad vornhin gelegene Zimmerreihe ein. Es find fünf Räume; in der Mitte ein großer 4- oder dfenftriger Saal, zu beiden Seiten je zwei Kleinere Zimmer. Die Heineren Zimmer find durdaus ſchmucklos, nur über den Thüren befinden fi) Delbilder, Copieen nad Niederländiichen Meiftern. Das ift Alles. Das Zimmer rechts vom Saal tft das Sterbezimmer des legten Wuftrauer Zieten. Der hiftorische „alte Zieten“ ftarb in Berlin, und zwar in einem jegt umgebauten, dem Friedrich— Wilhelms-Gymnafium ſchräg gegenüber Tiegenden Haufe der Kochſtraße.

Das Zimmer links vom Saal heißt das Königs-Zimmer, feitdem Friedrich Wilhelm IV., etwa in der Mitte der 40er Jahre die Grafſchaft Ruppin durchreifte und in Wuftrau und Koepernik, (auf wel letzterem Gute damals noch die 7Ojährige Marquife La Rode Aymon lebte) einen längeren Bejud machte.

Der große Saal ift die eigentliche Sehenswürdigfeit des Haufes. Alles erinnert hier an den Helden, der dieje Stätte be- rühmt gemadt hat. Eine Kolofjal-Bafe zeigt auf ihrer Rückſeite die Abbildung des auf dem Wilhelmsplage ftehenden Zietendent- mals, an den Wänden entlang aber gruppiren ſich Portraits und Skulpturen der allermannigfadjiten Art. Unter diefen bemerfen wir zunächſt zwei Büſten des „alten Zieten” felbft. Sie ftehen

7

in Wand-Nifhen auf Hohen BPoftamenten von einfacher aber gefälliger Form. Die eine diefer Büften, ein Gyp& Modell vom berühmten Bildhauer Tafjaert, ift ein großes Werthitüd, durchaus Bortrait, das noch bei Lebzeiten des alten Zieten nad) der Natur gefertigt wurde, die andere dagegen entftammt der neueren Zeit und erweiſt fich einfach als eine Marmor-Ausführung des Taffaert’- ſchen Modells. Die Arbeit diejes alten Meiſters ift ganz vor: trefflich, vor allem von einer Lebenswahrheit, die den Schadow'⸗ ſchen alten Zieten zu einer bloßen Tendenz-Statue herabdrüdt. Scha- dom hat nicht den Huſaren-Vater als Portrait, fondern da8 Hufaren- thum als folches dargeftellt. Von dem Moment ab, wo man den wirklichen alten Zieten (den Taſſaert'ſchen) geſehen hat, wird einem das mit einem Male Har. Dies übergefchlagene Bein, diefe Hand am Kinn, als ob mal wieder ein luftiger Hu- jfarenftreih erjonnen und ausgeführt werden jolle, das alles ift ganz im Charakter des Hufarenthums, aber durchaus nicht im Charafter Zieten’s, der von Jugend auf etwas Ernftes, Nüchternes und durhaus Schlichtes hatte. Er hatte ein verwegenes Hujaren- Herz, aber die Hufaren-Manieren waren ihm fremd. Es bedarf wohl feiner befondren Hervorhebung, daß mit dieſem allen fein Zabel gegen den Schadow'ſchen Zieten ausgeſprochen fein ſoll, der nad) der Seite des Geiftvollen Hin ganz unzweifelhafte Vorzüge hat, deſſen vielbetonte realiftifche Auffaffung aber ınehr iheinbar als wirklich ift.

Das Poſtament der Mobdell-Büfte zeigt fi bei näherer Betrachtung als ein Schrein von weiß-ladirtem Holz; ein Schlüffel- hen öffnet die kaum bemerfbare Thür defjelben. In dieſem ein- fahen Schrein befindet fid) der Säbel*) des alten Zieten, nicht jener Türkiſche, den ihm Friedrich) II. nad) dem zweiten Schlefifchen

*), Außer diefem einfahen Hufarenfäbel eriftiren noch zwei Zieten'ſche Brahtfäbel, von denen er den einen 1762 vom Kaifer Peter IIl- von Rußland, den anderen, einen „türkiſchen“, jchon vorher (1746) von König Friedrich II. zum Gejchent erhielt. Bon biefem erhielt er auch gegen Ende feines Lebens einen Krüdftod. Die Krüde defjelben ift von Elfenbein und ein eigenhändiges Schreiben bes Königs Täßt fi in gemüthvoller Weife darüber aus, warum fie von Elfenbein und nicht von Gold fei. Stod und Handihreiben befinden fi beide in der Großherzoglichen Bibliothek zu Weimar. Der von Beter III,

8

Kriege zum Geſchenk machte, fondern ein gewöhnlicher Preußifcher Hufaren-Säbel. Er z0g ihn während des ganzen 7jähri- gen Krieges nur ein Mal, und dies eine Mal zu feiner perjün- lichen Bertheidigung. Am Tage vor ber Schladjt von Torgau, 2. No: vember 1760, als er in Begleitung einer einzigen Ordonnanz auf Recognoscirung ritt, ſah er fich plötzlich von ſechs Oeſterreichiſchen Hufaren umjftellt. Er Hieb fih im buchſtäblichſten Sinne durd und ftedte den biutigen Säbel ruhig wieder in die Scheide. Nie ſprach er von diefer Affaire. Die Blutflede, ein rothbrauner Roft, find noch deutlich auf der Klinge fichtbar.

Raum minder intereffant als diefer im ganzen Kriege nur einmal gezogene Säbel, find die 16 lebensgroßen Bildniffe, die ringsum die Wände bededen. Es find die Portrait® von 16 Dffizieren des Zieten’ichen Regiments, alle 1749, 1750 und 1751 gemalt. Die Namen der Offiziere find folgende: Rittmeister Zangen, v. Teiffel, v. Somogy, Calau v. Hofen, v. Horn, v. Seel, v. Wied, v. Probſt, v. Jürgaß, v. Bader; die Lieutenants dv. Neigenftein, v. Heineder, v. Troſchle, und die Cornets v. Schanowski, Petri und dv. Mahlen. Mit Ausnahme des Lekteren ftarben fie all’ im Felde; v. Seel fiel als Oberft bei Hochlirch, v. Heineder bei Zorndorf, dv. Jürgaß bei Weik-Coftulik. v. Wied ftarb als Commandant von Comorn in Ungarn; wie er dort hinkam unbelannt. Im erjten Augenblid, wenn man in den Saal tritt und diefe 16 Zieten’schen Rothröde mit ungeheuren Schnaugbärten auf ſich herabblicken fieht, wird einem etwas unheimlich zu Muthe. Sie ſehen zum Theil aus, als feien fie mit Blut gemalt, und der Rittmeifter Yangen, der vergebens trachtet, feinen Haſenſcharten⸗ Mund durd einen zwei Finger breiten Schnurrbart zu verbergen, zeigt einem zwei weiße VBorderzähne, als wollt er einbeißen. Dazu die Zigerdede, man möcht am liebjten umkehren. Hat man aber erit fünf Minuten ausgehalten, jo wird einem in diefer Ge- jellihaft ganz wohl, und man überzeugt fich, daß eine Rubens'ſche Bärenhatz oder ähnlih traditionelle Saal und Hallen-Bilder

herrührende Prachtſäbel ift im Beſitze des Zieten’fhen Hufaren+ Regiments. Zietens Tigerdede, ſowie feine Zobelmüge mit dem Adlerflügel, befanden ſich früher in der Berliner Kunſtkammer und find jest, wenn ich nicht irre, im Hohenzollern-Mufeum in Schloß Monbijon.

9

hier viel weniger am Platze ſein würden. Die alten Schnurr⸗ wichſe fangen an, einem menſchlich näher zu treten, und man er⸗ fennt schließlich Hinter all’ dieſem Schredensapparat die wohlbe- fannten Märkiſch-Pommerſchen Geſichter, die nur von Dienit wegen das Martialijche bis faft zum Diaboliſchen gefteigert Haben. Die Bilder, zumeift von einem unbefannten Maler Namens Haebert herrührend, find gut erhalten und mit Rückſicht auf die Zeit ihrer Entjtehung nicht fchleht gemalt. Das Schöne fehlt no, aber das Charakteriftiiche ift da.

Der große Saal, in dem bdiefe Bilder neben fo manchem anderen hiftoriichen Hausrath ſich vorfinden, nimmt mit Recht unfer Hauptinterejfe in Anipruch, aber nod) vieles bleibt unſerer Aufmerffamteit übrig. Das ganze Schloß gleicht eben einer Art Zieten-Öalerie und nur wenige Zimmer treffen wir an, von deren Wänden uns nicht, als Kupferftich oder Delbild, als Düfte oder Silhouette, das Bildniß des altern Helden grüßte. Alles in allem gerechnet, befinden fich wohl 40 Zieten-Portraits in Schloß Wuftrau. Viele von diejen Bildniffen (bejonders die Etiche) find allgemeiner gefannte Blätter; nicht fo die Delbilder, deren wir, ohne für Vollſtändigkeit bürgen zu wollen, zunädjit acht zähfen, fieben Portraits, und das achte ein Genrebild aus der Sammlung des Markgrafen Karl von Schwedt. Es ſtellt mögficherweije die Scene dar (vergl. Zieten’d Biographie von Frau von Blumenthal ©. 56), wo der damalige Major v. Zieten an den Oberftlieutenant von Wurmb herantritt, um die Remonte⸗ pferde, die ihm zufommen, für feine Schwadron zu fordern, eine Scene, die befanntlich auf der Stelle zu einem wüthenden Zwei: fampfe führte. Doc ift diefe Auslegung nur eine muthmaßliche, da die Hier dargeftellte Lofalität zu der von Frau von Blumen» thal befchriebenen nicht paßt. Die fieben Portraits, mit Ausnahme eines einzigen, find ſämmtlich Bilder bes „alten Zieten”, und deshalb, aller Abweichungen in Uniform und Haltung uner- achtet, im Einzelnen ſchwer zu charaterifiren. Nur das ältejte Portrait, das bis in's Jahr 1726 zurüdgeht und den „alten Zieten” den wir uns ohne Runzeln und Hujaren-Uniform faum denken fönnen, als einen jungen Offizier bei den von Wuthenom’- ihen Dragonern darftellt, zeichnet ſich ſchon dadurd) vor allen

10

andern Bildniffen aus. Zieten, damals 27 Jahr alt, trägt, wie es jcheint, einen Stahlküraß, und über demfelben eine graue Uni- form (früher vielleicht weiß) mit fchmalen blauen Auficdlägen. Ob das Bild ächt ift, ftehe dahin. Don Aehnlichkeit mit dem „alten Zieten” natürlich feine Spur.

Wir verlaffen nun den Saal und das Haus, paffiren die mehr dem Dorfe zu gelegene Hälfte des Parkes, überfchreiten gleich danach die Dorfitraße und ftehen jetzt auf einem geräumigen Raſen— fled, in defjen Mitte ſich die Dorffirche erhebt. Der Chor liegt dem Herrenhaufe, der Thurm dem Kirchhofe zu. Zwiſchen Thurm und Begräbnißplatz fteht eine mächtige alte Linde. Die Kirche jelbft, in Kreuzform aufgeführt, ift ein Ideal von einer Dorflirde: Ihlidht, einladend, Hitbjc gelegen. Im Sommer 1756, furz bevor e8 in den Krieg ging, wurde der Thurm vom Blitz getroffen. Das Innere der Kirche felbit unterjcheidet fi) von andern Dorf- firhen nur durd eine ganz bejondere Sauberkeit und durd die Gefliffentlichkeit, womit man das patriotifche Element gehegt und gepflegt hat. So findet man nicht nur die übliche Gedenktafel mit den Namen derer, die während der Befreiungsfriege fielen, fondern zu der allgemeinen Tafel gefellen fi) auch noch einzelne Täfelhen, um die Sonderverdienfte dieſes oder jenes zu bezeichnen. An anderer Stelle gruppiren ſich Gewehr und Büchſe, Yanze, Säbel, Trommel und Flügelhorn zu einer Trophäe. Zwei Denkmäler zieren die Kirche. Das eine (ohne künſtleriſche Bedeutung) zu Ehren der erſten Gemahlin Hans Ioahim’s, einer gebornen von Jürgaß, errichtet, da8 andere zu Ehren des alten Zieten jelbt. Dies letztere hat gleichen Anſpruch auf ob wie Tadel. Es gleicht in feinen Vorzügen und Schwächen allen andern Arbeiten bes rajch-fertigen, Hyperproductiven Bernhard Rode,*) nad deſſen Skizze e8 von dem Bildhauer Meier ausgeführt wurde. Wem

*) Bon Bernhard Rode rührt auch das große, zur Verherrlichung des "alten Hufaren-General® gemalte Delbild her, das fi, neben den Bildern anderer Helden bes 7jährigen Krieges (alle von B. Rode) in der Garnifon- fire zu Berlin befindet. Die Compoſition auch diefes Bild ift Dutzend⸗ arbeit und troß der Prätenfion geiftvoll fein zu wollen, eigentlih ohne Geift. Auch hier ein bequemes Operiren mit traditionellen Mittelhen und Arrangements. Cine Urne mit dem Reliefbilde Zietens in Front berfelben:;

11

eine tüchtige Technik genügt, der wird Grund zur Anerkennung finden; wer eine ſelbſtändige Auffaſſung, ein Abweichen vom ALL- täglichen fordert, wird fich nicht befriedigt fühlen. Ein Sarkophag und ein Relief-Bortrait, eine Minerva rechts und eine Urania linls, das paßt fo ziemlich immer; ein gedanflich-beqguemes Operiren mit überflommenen Typen, worin unjere Bildhauer das Unglaub- liche Teiften. Wenn irgend ein Leben, fo hätte gerade das des alten Zieten die befte Gelegenheit geboten zu eiwas Neuem und EigenthHümlichem. Der Zieten aus dem Buſch, der Mann der hundert Anekdoten, die ſammt und fonders im Volksmund leben, was ſoll er mit zwei Göttinnen (Einige jagen, es feien ſymboliſche Figuren der Tugend und Tapferkeit) die ihm bei Lebzeiten in bie, figerfte Berlegenheit gebracht hätten. Vortrefflich ift nur das Relief. portrait in weißem Marmor, das fih an dem dunfelfarbigen Achenkruge des Denkmals befindet, und aufer einer im Schloß befindlichen Sieten-Silhouette jehr wahrfcheinlich das einzige Bild» niß ift, da8 uns den immer en face abgebildeten Kopf des Alten auch 'mal in feinem Profile zeigt. Daß diejes Profil nicht ſchön ift, thut nichts zur Sache.

Alles in allem, das Marmor: Denfmal des alten Helden reiht an ihn felber nicht heran; es entipricht ihm nicht. Da fob ich mir im Gegenfage dazu das fchlichte Grab, unter dem er draußen in unmittelbarer Nähe der Kirche fchläft. Der Raum reichte hin für vier Gräber, und hier ruhen denn aud) die beiden Eltern des alten Zieten, feine zweite Gemahlin (eine geb. v. Pla- ten) und er jelbft. Das Aeußere der vier Gräber ift wenig von einander verjchieden. Ein Unterbau von Baditein erhebt fich zwei Fuß Hoc über den Raſen, auf welchem Ziegel-Fundamente dann die Sandfteinplatte ruht. Noch nichts ift verfallen. Auch der gegenwärtige Befiter empfindet, daß er eine hiſtoriſche Erbſchaft

am Boden ein Löwe, ber ziemlich friedlich in einer Zieten’ihen Hufaren- Tigerdede drin fledt wie ein Kater in einem Damen-Muff; außerdem eine hohe Frauengeftalt, die einen Sternenfranz auf die Urne drüdt, das it alles. Das Reliefportrait ift fchlecht, nicht einmal ähnlich, aber die Urania oder Polyhymnia, die ihm den Sternenkranz bringt, ift im Zeichnung und Farbe um ein Wefentliched beffer, ala gemeinhin Rode'ſche Figuren (er war ein Meifter im Berzeichnen) zu fein pflegen.

12

angetreten hat und eifert getreulich dem ſchönen Vorbilde des legten Wuftrauer Zieten nad, deſſen ganzes Leben eigentlih nur ein Eultus feines berühmten Vaters war.

1786 jtarb Hans Ioahim von Zieten. Achtundſechzig Jahre jpäter folgte ihm fein Sohn Friedrich Chriftian Emil v. Bieten, achtundachtzig Jahre alt, der legte Zieten aus der Linie Wuftrau. Wir treten jegt an fein Grab.*) 8 befindet ſich unter der ſchon erwähnten fchönen alten Linde, die zwijchen der Kirche und dem leis anfteigenden Kirchhofe fteht. Hinter fich die (ange Gräberreihe der Bauern und Büdner, macht dies Grab den Eindrud, als habe der letzte Zieten noch im Tode den Plat bes haupten wollen, der ihm gebührte, den Pla an der Front feiner Wuftrauer. Aehnliche Gedanken beichäftigten ihn ſicherlich, als er zehn oder zwölf Jahre vor feinem Tode dies Grab zu bauen bes gann. Ein Hünengrab. Der letzte Zieten, Hein wie er war, verlangte body Raum im Tode. Denn er baute das Grab nit bloß für fi, fondern für das Gejichleht oder den Zweig des Geſchlechts, das mit ihm Ichlafen ging Mit Eifer entwarf er den Plan und leitete den Bau. Eine Gruft wurde gegraben und aus» gemauert, und jchlieglic ein Riefen-Feldftein, wie ſich deren fo viele auf der Wuftrauer Feldmarf vorfinden, auf das offene Grab ge— (eg. Am Fuß-Ende aber gefchah die Ausmauerung nur halb, jo daß hier, unter Einführung eines ſchräg laufenden Stollens, eine Art Kellerfenfter gewonnen wurde, durch das der alte Herr in jeine legte Wohnung hineinbliden konnte. Mit Hülfe diefer Zu— Ihrägung wurde denn auch fpäter der Sarg verſenkt. ALS Fr. W. IV. im Jahre 1844 den ſchon oben erwähnten Beſuch in Wuftrau machte, führte ihn der Graf auch an die Linde,

) Friedrich Chriſtian Emil dv, Zieten, deffen ſchon Seite 3 und 5 furz Erwähnung geſchah, war der einzige Sohn Hans Joachims aus feiner zweiten Ehe mit Hedwig Elifabeth Albertine v. Platen. Dieſer letzte Zieten aus der Wuftrauer Linie wurde den 6. Dftober 1765 geboren und ftarb am 29. Zuni 1854. Er war Rittmeifter, Landrath des 'Ruppiner Kreijes, und Ritter des jchwarzen Adlerordens. Wurde gegraft am 15. Dltober 1840. [Aus Hans Joachims erfter Ehe mit 2eopoldine Judith v. Jürgaß war eine Tochter geboren worden, die fich jpäter mit einem Jürgaß auf Ganter verheirathete. Vgl. das Kapitel Ganter.]

_ 13

um ihm dafelbft das eben fertig gewordene Grab zu zeigen. Der König wies auf eine Stelle des NRiejenfeldfteins und fagte: „Zieten, der Stein hat einen Fehler!“ worauf der alte Herr erwiederte: „per drunter liegen wird, hat noch mehr.”

Dieje Antwort ift fo ziemlich das Beſte, was vom legten Wuftrauer Zieten auf die Nachwelt gefommen tft. Einzelne andere Replifen und Urtheile (3. B. über die Schadow'ſche Statue, jo wie über Bücher und Bilder, deren Held fein Vater war) find unbedeutend, oft ungerecht und faft immer ſchief. Er ſah alles zu einfeitig, zu fehr von einem bloß Zietenfchen Standpunkt aus, um gerecht fein zu können, ſelbſt wenn ihm ein feinerer äfthetifcher Einn die Möglichkeit dazu gewährt hätte. Diefer äfthetifche Sinn fehlte ihm aber völlig. Selber eine Euriofität, bracht' er e8 über die Euriofitäten-Krämerei nie hinaus. Sein Wi und Humor verftiegen fich nur bis zur Luft an der Myſtification. Den Alter- thumsforſchern einen Streich zu fpielen, war ihm ein bejonderer Genuß. Er ließ von eigens engagirten Steinmegen große Feld- fteine concav ausarbeiten, um feine Wuftrauer Feldmark mit Hilfe diefer Steine zu einem heidniſchen Begräbnißplatz avanciren zu laſſen. Am See-Ufer hing er in einem niedlichen Glodenhäus- hen eine irdene Glode auf, der er zuvor einen Bronce⸗Anſtrich hatte geben laſſen. Er mußte im Voraus, daß die vorüberfahren- den Schiffer, in dem Glauben es fei Glodengut, innerhalb act Zagen den Verfuh madhen würden, die Glocke zu ftehlen. Und fiehe da, er Hatte fich nicht verrechnet und fand nad) drei Tagen ſchon die Scherben. Solche Ueberliftungen freuten ihn, und man lann zugeben, daß darin ein Aederchen von der Herz-Ader feines Vaters fihtbar war. Im Uebrigen aber war er unfähig, zu dem Ruhme feines Hauſes aud nur ein Kleinftes Hinzuzufügen; er fühlte fih nur als Verwalt er dieſes Ruhmes, ein Gefühl freilich, das ihm unter Umjtänden Bedeutung und jelbft Würde lich. Wo er für fih und feine eigenfte Perfon eintrat, in den privaten Ver- hältnifjen des alltäglichen Lebens, war er eine wenig erfreuliche Erſcheinung: kleinlich, geizig, unfhön in faft jeder Beziehung. Don dem Augenblid an aber, wo die Dinge einen Charakter an- nahmen, daß er feine Perfon von dem Namen Zieten nicht mehr trennen konnte, wurd’ er auf kurz oder lang ein wirklicher Zieten.

14

Er war nicht adfig, aber gelegentlich ariftofratiich. Dies Arifto- kratijche, wenn geglüht im leidenfchaftlicher Erregung, konnte mo» mentan zu wahrem Adel werben, aber folhe Momente meift fein Leben in nur jpärlicher Anzahl auf. Sein Beftes war die Liebe und Berehrung, mit der er ein halbes Jahrhundert lang die Schleppe jeine® Vaters trug. Im diefem Dienfte verftieg fich fein Herz bis zum Boetifchen in Gefühl und Ausdrud, wofür nur ein Beifpiel bier fprehen mag. Auf dem mit Raſen überdedten Kirchenplag, etwa Hundert Schritte vom Grabe Hans Joachim's entfernt, erhebt fi ein hoher, zugeipigter Feldftein mit einer in den Stein ein- gelegten Eifenplatte. Und auf eben bdiejer Eifenplatte ftehen in Soldbuchftaben folgende Worte:

Im Jahre 1851 den 23. April stand an dieser Stelle das Blücher’sche Husaren-Regiment, um den hier in Gott ruhen- den Helden, den berühmten General der Cavallerie und Ahnherrn aller Husaren, Hans Joachim von Zieten, in Anerkennung seiner hohen Verdienste durch eine feierliche Parade zu ehren. Ruhe und Friede seiner Asche! Preis und Ehre seinem Namen! Er war und bleibt